Was macht ein Erasmusstudent alles in Mailand?

Ich möchte ein paar Antworten geben, die hoffentlich etwas weniger erwartbar sind. In meinen ersten Wochen in Mailand sind für mein Verständnis schon ziemlich viele unvorhergesehene und wunderschöne Dinge passiert, von denen ich berichten möchte.


Karaoke

Bereits während meiner ersten Tage in Mailand fand ich mich ein einer bizarren Situation wieder. Da ich die erste Woche bei Carlo übernachtete, nahm mich dieser mit zu einem Event seiner Uni. Beim gemeinsamen Viewing des Musikfestival von Sanremo wurde in den Pausen Karaoke gesungen. Nachdem ein Undercover-Talentscout (ein italienischer Sitznachbar) meine deutsche Herkunft entdeckte, führte kein Weg mehr daran vorbei, dass ich der nächste Gast auf der Mailänder Uni-Karaoke-Bühne werden sollte.

Auf Grund meiner kaum trainierten Singstimme entschied ich mich für ein deutsches Lied, welches sich einfacher gröhlen als singen lässt: Schrei nach Liebe, Die Ärzte. Die Show war super. Carlo half beim Gesang aus und unser italienisches Publikum war mit vollem Eifer dabei. Eine lustige wie schöne Erinnerung, die ich gut verstaut habe.

Die kleinen Dinge

Zum glücklich sein braucht es nicht viel. Nur in der Küche benötige ich so einige Utensilien, um zufrieden zu werden. Abgesehen von drei Öfen und 12 Herdplatten in der Gemeinschaftsküche sowie einem Kühlschrank auf dem eigenen Zimmer (3 min entfernt, wird noch wichtig) wird vor Ort keine Küchenausstattung gestellt. Zum Glück gibt es in meinem Mailänder Studentenwohnheim, dem Campus Martinitt, so viele liebe Menschen, die sich untereinander aushelfen. Die ersten Tage im Studentenwohnheim aß ich Müsli aus meiner Ikeaschüssel, mit der ich sonst Rasierschaum mache. Denn neben meinen Opinel, Teelöffel und der Schüssel besaß ich ansonsten nichts.

Den Teelöffel nehme ich auf jede Reise mit, um unterwegs gesunde Snacks wie Joghurt mit Obst und Nüssen essen zu können.

Dank Jan (Deutscher Erasmusstudent) hatte ich bald einen echten Löffel zur Hand. Ein Teller wurde mir günstig in der Whatsappgruppe vom Campus verkauft, zusammen mit zwei praktischen Tupperdosen. Topf und Pfanne teile ich mit meinem Mitbewohner. Bei meinen ersten Kochversuchen fehlte immer etwas. Nur dank Olivenöl-, Gewürz- und Spülmittelspenden meiner Kommilitonen überlebte ich. Zu Ramadan teilten einige Studenten etwas Essen und einen süßen Tee mit mir. Für diese vielen kleinen Geschenke bin ich sehr dankbar.

Zuletzt habe ich einen genialen Kauf im Supermarkt gemacht. Ein Kaffeedessert in einer gläsernen Espressotasse. Nach dem leckeren Verspeisen dieser Köstlichkeit habe ich sie ausgespült und trinke seitdem mein Kaffe aus einem echten Espressoglas. Sehr ökonomisch und praktisch muss ich sagen.

Ein Einkaufsband mit Kaffedessert
Ein schöner Esslöffel
Einkaufen in Mailand kostet etwa genausoviel wie in Deutschland.

Spontaner Sprint zum Klavierkonzert

Es gibt jeden Dienstag vom Erasmus Student Network einen Stammtisch in der Gipsy Bar. Eines Tages begab ich mich das erste Mal dorthin und bestellte einen Drink. Um herauszufinden, wo ich mich zu anderen Erasmusstudenten gesellen könnte, warf ich einen Blick auf mein Handy. Doch statt einer Live-Location fand ich etwas viel besseres. In irgendeiner Whatsappgruppe hatte jemand zwei Karten für ein Klavierkonzert von Igor Levit zu vergeben. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr, noch 10 Minuten bis zum Konzertbeginn. Dann nahm ich den ersten und letzten Schluck von meinem alkoholischen Getränk, welches ich auf meiner anstehenden Radfahrt nicht gebrauchen konnte, gab den vollen Becher an den nächstbesten Italiener ab und schwang mich aufs Leihrad.

Die Fahrradfahrt von Google Maps schaffte ich in 12 Minuten statt 20. Als Ausgleich suchte ich 4 Minuten lang den Eingang, bevor an der Garderobe meinen Rucksack abgab, während Beethoven schon zart aus dem Konzertsaal ins Foyer quoll. Schließlich begab ich mich überglücklich in den Konzertsaal und ließ mich für die nächsten 90 Minuten von Igor Levit bezaubern. Am Ende des Abends ergatterte ich sogar noch ein Autogramm. Der Abend war allemal schöner, als was die Gipsybar mit hätte bieten können.

Als währe diese Abkehr der Gipsybar ein Vorbote gewesen, habe ich es in den folgenden zwei Monaten kein einziges Mal geschafft, dort aufzukreuzen. Es gab stets ein cooles anderes Event oder ich musste mich dringend von anstrengenden Abenteuern der Vortage erholen. Das nenne ich Vollzeitstudium (Erasmusedition).

Autogramm von Igor Levit
Konzertsaal mit Igor Levit
Das Warten am Künstlerausgang hat sich gelohnt :).

Spontaner Klettersteig

Sich spontan zu einem Kaffee verabreden ist in Italien standard. Was in Deutschland nur 2 Wochen im Voraus und unter Beihilfe von Terminfindungstools geschieht, entwickelt sich in Italien schnell aus einer Laune heraus. Vielleicht ist es auch normaler sich zum Kaffe zu verabreden, weil die Preise so günstig sind. Dass ich auf dem Weg zum Kaffeetrinken mit einem Freund schonmal fast an einem Café angehalten habe, um einen Espresso zu trinken, möchte ich nicht verheimlichen.

Espressotasse
lecker
Bon vom Espresso
und preiswert

Dass man sich spontan zu einem Klettersteig verabredet ist vielleicht weniger typisch in Italien, mir aber genauso passiert. Dank einem Anruf von Carlo, der seine letzte Klausur abgeschlossen hatte, fanden wir uns knapp 2 Stunden später am Fuße eines Klettersteigs wieder und starteten in ein Abenteuer.

Der Magische Schaal

Wir meisten vergessen mal etwas. Und wir alle verlieren mal einen lieb gewonnenen Gegenstand. Ärgerlicher ist nur, wenn einem etwas geklaut wird. Diesbezüglich soll man in Mailands Öffis besonders aufpassen wurde mir gesagt. Und Fahrräder würden notorisch oft geklaut. Meines stand bislang zum Glück immer noch dort, wo ich es abgestellt hatte. Und auch mein Schaal ist bislang schon zweimal zu mir zurückgekommen. Beim ersten Mal fand ich ihn in der Fundkiste an der Uni wieder (im Gebäude der Philosphen, mit denen ich etwas Zeit verbracht hatte).

Beim zweiten Mal hatte ich den Schaal Morgens nach einer Schweißtreibenden Fahrt über das Fahrrad gehängt, nur leider nicht mit in die U-bahn genommen. Carlos Vermutung, der mitleidig verkündigte, der Schaal wäre ganz sicher nach 15 Minuten schon weg, stellt sich auf wundersamer Weise als falsch heraus. 8 Stunden später hing er noch an Ort und Stelle. Wie schön, dass mein Glück auf dieser Welt noch nicht aufgebraucht ist.

Max mit Schaal
Max mit Schaal zeigt irgendwohin
Mein Versuch eines Modeshooting in der Modestadt Mailand.

Unerhoffter Urlaub

Meine Pläne für Ostern: gemütlich in meinem Wohnheim verbleiben. Mein Mitbewohner war in seine Heimat Polen gereist und neben Sport könnte ich die feierlichen Tage zur Vorbereitung meiner ersten Klausur nutzen. Donnerstagnachmittag änderte sich dann alles. Ich nahm den Anruf an: Ob ich über Ostern mit nach Ischia wolle, der Zug fahre morgen um 8:00 Uhr nach Nepal. Da ich im Erasmus bin halte ich mich an nur eine Regel:

Ich sage zu allem und jedem ja!

Mein Reiseglück verdankte ich einem kleinen aber ungünstigen Unfall, auf Grund dessen eine Person ausfiel, deren Hotelzimmer bereits bezahlt war. Es erhielt also ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Mit meinem Interailticket besorgte ich die Sitzplatzreservierung für den nächsten Tag und fuhr dann am Karfreitag in der ersten Klasse Richtung Nepal. Der Kaffeeservice mit Siebträgermaschine alle 30 Minuten war grandios.

Für die Klausur musste ich natürlich trotzdem lernen. Dank wunderschönem Ausblick im Hotel, frühmorgendlichem Laufen bei grandiosem Sonnenaufgang, heißem Thermalwasser im Pool und göttlichen Speisen aus dem Bioanbau des Hofes war das natürlich um ein Vielfaches angenehmer, als in Mailand.

Sonnenaufgang
Bank
Blick aufs Meer
Max beim Laufen
Blick auf Berg
Blick auf Sant'Angelo
Schöne Treppen
Zitronen und Orangen im Keller
Mein Arbeitsplatz mit Meerblick
Ich hoffe die Bilder können einen Eindruck der Schönheit und der Lebensfreude vermitteln, das ich auf Ischia verspürt habe. Ich möchte unbedingt wiederkommen.

Kurioses

  • Ich habe Eis mit Gorgonzolageschmack probiert.
  • Ich bin mit italienischen Freunden nach Bergamo gefahren, um All-you-can-eat Sushi zu essen (+die Stadt zu besichtigen :)
  • Ich habe die Backstube einer Bäckerei besucht ^^
  • Heißluftfritteusen sind sehr praktisch, das kann ich als Besitzer einer solchen inzwischen ehrlich behaupten
  • Man kann zu viel Pizza essen
  • Es gibt zum Glück einen Bäcker mit gutem Brot!
Ein Ei in einem Mokapot
Eierbecher oder kein Eierbecher, das ist hier die Frage.



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