Kämpfen für die Liebe

Über die Verflechtungenen zwischen Kampfsport und Beziehungen.


Füreinander, gegeneinander und manchmal mit sich selbst. Kämpfen heißt, in den Ring zu steigen und ein Argument auszutragen. Wer ist stärker, schneller, besser? Jede Beziehung muss diese Gedanken aushalten, denn sie sind allzu menschlich. Besonders der Streit mit Menschen, die einem nahestehen, tut weh.

Sein Gegenüber zu verletzen, das macht einen selber traurig, spätestens nachdem man etwas Gemeines ausgesprochen oder getan hat. Um Streit aus dem Weg zu gehen, lautet mein Lösungsvorschlag: das Kämpfen üben. Nicht gegeneinander im Wortgefecht, sondern miteinander auf der Matte, beim Kampfsport.

Neulich habe ich beim Trainieren festgestellt, dass es Parallelen zwischen Kampfsport und Liebe gibt. Erstaunlich viele sogar. Es sind gewisse Unterschiede, die zwischen zwei Menschen immer wieder zu Reibung führen.

Die altbackene Zahnpastatube, die Frage, ob erst die Arbeit oder erst das Vergnügen ansteht oder auch welche Partei Deutschland in diesen Zeiten regieren sollte.

Auf der Matte ist die politische Ansicht irrelevant, denn es geht um Spaß, körperliche Anstrengung und das gemeinsame Lernen. Stattdessen sind die persönlichen Voraussetzungen wie das Gewicht, die Größe und das Erfahrungslevel entscheidend im Wettkampf. Bei einem Turnier geht es darum, jeden dieser Vorteile auszunutzen, wie bei einem Streit, bei dem ich den Partner absichtlich verletze, damit ich gewinne.

Das darf vorkommen, ist aber nicht optimal für die Liebe. Die sollte eher wie das Training aussehen, bei dem andere Regeln gelten. Es gilt, sich dem Gegenüber anzupassen, seine Kraft zu dosieren und unerfahrenere Gegner zum Zug kommen zu lassen, um gemeinsam zu lernen. Ich muss mich beim Kämpfen genauso auf die Eigenheiten des Partners einlassen, wie es eine Liebesbeziehung verlangt.

Rücksicht ist gefordert

Es ist ein Leichtes, einen unterlegenen Gegner wiederholt zum Abklopfen, also zum Aufgeben, zu bringen. Allerdings lernt dabei niemand etwas dazu. Viel effektiver ist es, mich als erfahrenerer Kämpfer in eine schlechte Position zu begeben, den Gegenüber zum Beispiel in meinen Rücken zu lassen und dann zu versuchen, aus dieser ungünstigen Lage wieder die Oberhand zu gewinnen.

Jeder Partner ist in gewissen Fähigkeiten dem anderen überlegen, doch diese im Miteinander so einzusetzen, dass keiner verletzt wird, ist entscheidend. Nur wenn ich mich dem Partner anpasse und andersherum, können wir gestärkt aus dem Training hervorkommen. Um mich einer weiteren Analogie zu bedienen:

Beim rücksichtsvollen Kämpfen ist es wie mit einer Kette. Damit alle ihre Teile ganz bleiben, muss sich nach dem schwächsten Glied gerichtet werden.

Es geht beim sich selbst Zurücknehmen nicht darum, den anderen gewinnen zu lassen. Vielmehr ist das Ziel, eine Lernumgebung zu schaffen, in der alle Trainingspartner aufblühen können. Übertragen auf die Liebe stelle ich die Bedürfnisse meines Partners nicht über alles, kann aber für viel Harmonie sorgen, indem ich an manchen Stellen ein wenig zurückschraube.

Communication is key

Wann das notwendig ist, darüber erhalte ich ständig und unerlässlich Feedback. Wird mein Partner erschöpft oder nimmt die Kraft raus? Darauf muss ich feinfühlig reagieren. Denn Feinfühligkeit ist sowohl auf der Matte als auch in jeder Beziehung ein wichtiger Baustein, der einen vertrauensvollen Umgang ermöglicht.

Neben der Körpersprache, die ich zu entziffern lerne, ist es auch manchmal notwendig, sich abzusprechen und verbal zu kommunizieren.

„Wir kämpfen jetzt nur mit 20 Prozent Kraft“

Die Kraft außen vor zu lassen heißt, dass der Fokus ausschließlich auf saubere Techniken gelegt wird, also die eigene Masse und Kraft nicht zum Vorteil benutzt werden.

Offen sein für andere Perspektiven

Ein weiteres Beispiel: Einmal habe ich beim Kämpfen die Rückmeldung bekommen, dass eine Frau es nicht mag, auf dem Rücken herumgezogen zu werden, da sie gewisse negative Erfahrungen mit Männern gemacht hat, die so groß sind wie ich. Bis dahin war mir nie in den Sinn gekommen, dass dies ein Problem sein könnte und daher war ich sehr froh um ihre Rückmeldung.

Wir alle haben gewisse Punkte, auf die wir gereizt reagieren. Deshalb sollten wir mehr darüber sprechen, um sensibel reagieren zu können. Auch das gehört zum Kämpfen dazu. In der Liebe, wie im Sport, lernt man nie aus. Von Person zu Person und von Jahr zu Jahr muss man neu lernen, womit der Partner einverstanden ist und durch Fragen und Rückmeldungen sein Zusammenspiel abstimmen. Die Lektionen aus dem Kampfsport helfen dabei nicht nur in der Liebe weiter.

So wie seine Gelenke und Knochen möchte man auch im Umgang mit der Familie und Freunden seine Nerven schonen. Um das Verletzungsrisiko niedrig zu halten, darf ich nicht zu viel Kraft verwenden, die Balance zwischen Piesacken und Zärtlichkeit nicht verfehlen. Ich und mein Gegenüber müssen uns zu jedem Zeitpunkt gegenseitig respektieren und wertschätzen, damit beim Kämpfen unser Körper und im Alltag unsere Beziehungen heil bleiben.

Schließlich sollen nach dem Training alle Kämpfer und Kämpferinnen gesund und ein Ticken klüger sein, sich gemeinsam dehnen, voreinander verbeugen und füreinander klatschen. Weil Kampfsport und Respekt so eng miteinander verbunden sind, kann man sich von den Lehren des Sports einiges abschauen. Dann kann man die Wettkämpfe aus der Beziehung auslagern und stattdessen lieber miteinander wachsen.