Der Panther in dir
Mein Versuch, ein Gedicht umzuschreiben, ist gescheitert. Inzwischen freue ich mich sogar darüber.
Prolog: Der Panther von Rainer Maria Rilke begleitet und berührt mich auf ganz besondere Weise. Obwohl das Gedicht über 100 Jahre alt ist, scheint es mir aktueller denn je. Eines Tages, als mein innerer Scroller, der ständig auf das Handy starrt und durch Kurzvideos „scrollt“, zu lange Besitz von mir ergriff, kam mir eine Idee. Mein innerer Dichter, der dem Scroller gegensätzliche Anteil, fand sich von den Worten des Panthers verstanden. Diese Entdeckung war mein Anlass zu versuchen, den Panther in unsere heutige Zeit umzudichten.
DER PANTHER
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Scroller: Deine Augen müde, nur der Daumen dreht sich ewig im Kreis. Er swiped zum nächsten Video. Nur noch ein Video, eins noch, nur noch ein weiteres. Vorbei sausen die Bilder, wie die Gitterstäbe, die am Panther vorüberzugehen scheinen, da er schon so lange an ihnen vorbeiläuft. Die Bilder berühren dich passiven Betrachter gar nicht mehr. Nur der sekündliche Dopaminkick lässt dich weitermachen.
Dichter: Dem Panther von Rainer Maria Rilke bin ich zum ersten Mal im schulischen Lyrikunterricht begegnet. Seitdem hat es mich begleitet, mit seinen einprägsamen und zeitlosen Zeilen. Eines Abends fand ich mich unerwartet selbst in der Lage des Panthers wieder, als ich, nach zu langer Zeit vorm Bildschirm, aufschaute. Ich sah die Zeilen des Gedichts vor mir und tauschte in Anbetracht meiner Situation nur das Wort „Stäbe“ mit dem Wort „Bilder“ aus.
Scroller: Soziale Netzwerke wurden erschaffen, um sich mit Freunden und Kollegen austauschen zu können. Sie wuchsen schnell, denn wir Menschen sehnen uns nach Austausch und Aufmerksamkeit, die sich insbesondere online schnell in Form von Likes bekommen lässt. Es entsteht ein konstantes Wetteifern um diese neue Währung und ein eigener Markt mit riesigen profitorientierten Firmen.
Dichter: Sein Blick ist vom Vorübergehn der Bilder, / so müd geworden, dass er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Bilder gäbe, / und hinter tausend Bildern keine Welt.
Scroller: Je besser meine Videos sind, je höher die Wiedergabezeit, die Click-Through-Rate und der Prozentsatz an Likes, desto mehr Aufrufe bekomme ich. Je länger ich meine Zuschauer am Bildschirm festhalte, desto besser für mich als Videoproduzent, für mein Ansehen und meine Einnahmen. Es ist, als ob wir versuchen, einander unsere Aufmerksamkeit wegzunehmen.
Dichter: Mir ging ein Licht auf, gleich dem Panther, dem ein Bild in die Pupille geht. Dieses Gedicht stellt genau die betrübte Einsamkeit dar, die ich über hundert Jahre nach dessen Veröffentlichung verspüre, wenn ich alleine vor meinem Handy sitze. Nachdem ich nur ein einziges Wort ersetzt habe, erweiterte sich Rilkes ursprüngliche Bedeutung um meinen modernen Kontext. Die Worte berührten mich. Deshalb setzte ich mich an den Schreibtisch und begann „Der Panther“ neu einzukleiden. In mir dieses Bild vom Gedicht, das nun in der Moderne spielt und dessen Schauplatz nicht mehr der Jardin des Plantes in Paris ist, sondern mein einsames Zimmer mit Internetanschluss.
Scroller: Ich finde das System perfide. Es belohnt denjenigen, der die Nutzer am effektivsten an das Netzwerk bindet. Das führt dazu, dass alle Produzenten sich selbst darin optimieren, die Follower mit ihren Inhalten zu locken. Sie fallen sich selbst in den Rücken mit ihren Einfällen, von denen Clickbait nur die Spitze des Eisbergs, nur eine der vielen Techniken ist, die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Denn wir alle verbringen auf Grund der „verbesserten“ Videos mehr Zeit in den sozialen Medien. Jede neue „Rezeptur“ macht noch süchtiger.
Dichter: Im Gedicht geht der Panther im allerkleinsten Kreise in seinem Käfig herum. Wenn ich Kurzvideos schaue, bin ich ebenfalls gefangen in ihrem Bann, nur dass ich meist sitze und mein Daumen swiped und swiped und swiped. Wie in der letzten Strophe habe auch ich ab und an einen Gedankenblitz. „Ich sollte aufhören“, oder „draußen im Park wäre es jetzt viel schöner“. Wie beim Panther entfallen diese Einfälle sehr schnell meinem Gedächtnis, als ob sie im Daumen aufhören zu sein, denn der gibt den Takt an. Ich freute mich darüber, dass mein Empfinden sich so gut im Panther widerspiegelte und die Worte einfach zu passen schienen.
Scroller: Wie oft fühlst du dich so, als hättest du gerade wertvolle Lebenszeit verschwendet, nachdem du von Facebook, Instagram, TikTok, YouTube, LinkedIn oder einem beliebigen anderen Netzwerk aufblickst? Ich gelange manchmal, obwohl ich meine Social Media Apps gelöscht habe, irgendwie über den Browser zu ihrem endlosen Nachrichtenfeed. Ihr Sog wirkt beängstigend stark auf mich. In der Flut der wirklich guten Angebote, die mir online geboten werde, drohe ich zu oft einfach unterzugehen.
Dichter: Die Idee war gut. Jetzt musste ich nur noch die richtigen Sätze finden, um meine Version vom Panther neu auszuschmücken. Nachdem ich erste Anpassungen vorgenommen hatte, holte ich mir Freunde ins Boot, um gemeinsam Formulierungen zu finden, die das Gedicht in unsere Zeit heben. Die nur leicht veränderte erste Strophe gefiel mir wirklich gut, doch in Strophe zwei und drei haperte es mit der Bearbeitung ein wenig. Metrum, Reim und Bedeutung beizubehalten gelang uns nicht so leicht, wie ich es mir vorgestellt hatte. Obwohl die Gedanken eigentlich so gut zum Panther passten, verging eine ganze Woche ohne nennenswerte Fortschritte.
Scroller: Die sozialen Netzwerke halten dich gefangen, darauf sind sie ausgerichtet. Tausende Programmierer, Designer und Psychologen arbeiten mit den Mängeln unserer menschlichen Triebe und Instinkte gegen uns. Das ist kein fairer Kampf. Und wir, bloße Bälle im Spiel der Internetgiganten, erkennen nicht, dass wir kämpfen. Stattdessen stürzen wir uns in die Arena und helfen den Spielleitern, ihr Spiel zu perfektionieren. Sie verdienen umso mehr Geld, je besser sie ihre Nutzer kennen und je mehr Werbung sie schalten können. Die Inhalte der Videoproduzenten binden uns an das Handy, je wirksamer sie das tun, desto mehr „Bonuspunkte“ gibt es, in Form von Aufmerksamkeit und Geld.
Dichter: Erst war ich frustriert, dass sich meine Idee nicht umsetzen ließ. Dann setzte die Erkenntnis ein. Was sich wie ein Scheitern anfühlte, war in Wahrheit ein Erfolg. Ich habe es nicht geschafft, den Panther neu zu schreiben. Aber ausgehend vom Panther habe ich meine Gedanken ins Gedicht übertragen und schlussendlich diesen Text geschrieben. Mein Projekt ist ein Erfolg und beweist dadurch den Erfolg von Rilke. Mein Erfolg zeigt, dass seine Worte mehr als ein Jahrhundert überstanden haben und weiterhin aktuell sind. Vielleicht aktueller denn je.
Scroller: Einmal im Bann, schon ist man gefangen. Dann kommt keiner mehr hinaus. Wir sind machtlos im Labyrinth, das ständig weiter optimiert wird, zu dessen Verstrickungen wir selber beitragen. Was wir brauchen, ist eine List wie der Ariadnefaden, der uns den Weg aus der Orientierungslosigkeit leitet. Allerdings befinden wir uns schon im Labyrinth und haben die Chance verpasst, am Eingang einen Faden anzubringen, der uns wieder herausführt. Selbst wenn wir den Faden hätten, wäre es töricht ihm zu folgen, da wir dann all die Vorzüge der sozialen Medien abgeben müssten, ohne die unsere Gesellschaft nicht mehr funktioniert. Darum bleibt uns nur, nach einem anderen Ausweg zu suchen. Wir müssen hoffen, dass es einen gibt.